Der Bär der keiner sein wollte

Es geschah an einem sonnigen Tag. Mitten im Wald wurde ein kleiner Bär geboren. Als er ins Leben kam, erinnerte er sich gerne an die Wärme und Liebe aus der entstanden war. Er wuchs heran, tobte herum, war voller Neugier und Freude über das Leben. Die Erde bot so vieles zu entdecken und zu erforschen. Die Tage wurden nie langweilig. Am Abend liebte es der kleine Bär eingekuschelt zwischen Mama und Papa einzuschlafen. Das Leben war so schön.

Mit Mama schwamm er am liebsten durch den See und oft ließen sie sich im nahe gelegenen Fluss von der Strömung treiben. Papa lag währenddessen gerne in der Sonne am Fuße eines Baumes und beobachtete die beiden. Sobald der kleine Bär das Wasser verließ, kuschelte er sich an das warme Fell seines Vaters. Die Ruhe, die sein Vater ausstrahlte, besänftigte seinen Spieltrieb, so dass er manches Mal dabei eindöste.

Wenn die Nacht kam und der Mond sich am Himmel zeigte, kuschelte er sich gerne unter Mamas Flügel, die ihn ganz bedeckten und lauschte ihrem Herzen, welches beständig und kraftvoll schlug. Der Klang ihres Herzens geleitete ihn behutsam in den Schlaf. Der kleine Bär liebte sein Leben und genoss die Nähe seiner Eltern.

Eines Tages, stellte der kleine Bär jedoch fest, dass er anders aussah als seine Eltern. Er war in den letzten Monaten gewachsen und überragte nun seine Mutter um einiges. Das irritierte ihn. Seine Mama war zart, von weißer Farbe und hatte zwei wunderschöne große Flügel. Sein Papa war groß wie er, doch er hatte eine Mähne um den Kopf herum und glich vom Körperbau so gar nicht dem jungen Bären. Der Bär aber wollte so sanft und zart wie Mama und gleichzeitig so stark und groß wie Papa sein. Innerlich fühlte er sich zerrissen von seinen Gefühlen und so fragte er eines Tages seine Eltern: „Wer bin ich eigentlich? Ich sehe nicht aus wie ihr.“

Seine Eltern schauten ihn liebevoll an. Mama sprach zu ihm: „Mein lieber Sohn, du bist ein Bär, ich bin ein Schwan und dein Papa ist ein Löwe.“ Der kleine Bär runzelte seine Stirn, da er nicht verstand, was sie sagte. Zögerlich raunte er: „Aber ich will doch so sein wie ihr. So sanft wie du und so stark wie Papa“. Da sprach Papa zu ihm: „Geliebter Sohn, es geht nicht darum, dass du uns ähnelst. Es geht vielmehr darum, was du empfindest. Schau, Mama und ich sind nicht von der gleichen Art und gleichzeitig ist es tiefe Liebe, die uns verbindet. Und genauso ist es mit dir. Du bist ein Bär und du bist voller Liebe zu uns und mit uns. Du bist aus unserer Liebe entstanden. Was kann es Schöneres geben, Sohn? Sei stolz darauf wer du bist. Erkenne dich als Bären an und lebe deine Größe und Stärke. Die Sanftheit ist in dir, du erkennst sie nur noch nicht, da dein Verstand dich in die Irre führt.“

Der kleine Bär schaute unsicher. „Aber, wenn ich nicht so bin wie ihr, wohin gehöre ich dann?“, fragte er leise. Mama sprach und sagte: „Du gehörst genauso wie du bist zu uns. Wir sind eine Familie. Wir sind drei einzelne Wesen, die sich schon lange vor dieser Zeit im großen Ganzen dazu verabredet haben, miteinander zu leben, zu wachsen und zu sein. Es spielt keine Rolle, wie wir aussehen. Es ist einzig allein die Liebe, die wichtig ist. Wir kommen aus der Liebe und wir sind Liebe. Du bist hier, um deine Größe und Kraft zu fühlen und dein ganzes Wesen zum Ausdruck zu bringen. Du musst keine Angst vor deiner Kraft haben. Sie wartet nur darauf von dir entdeckt zu werden. Es geht nicht darum, mir oder deinem Vater zu ähneln. Es geht darum dich zu lieben, wie du bist. Du bist groß, du bist stark, du bist einzigartig und voller Liebe.“

„Aber“, sagte der kleine Bär besorgt, „ich könnte dich verletzen mit meiner Kraft“. Mama lächelte und erwiderte: „Mein lieber Sohn, du kannst mich nicht verletzen, sei unbesorgt, denn ich achte gut auf mich selbst. Auch wenn ich zart aussehe, habe ich unglaublich viel Kraft in mir. Mit meinen Flügeln kann ich nicht nur fliegen, sondern mich auch verteidigen und so manch einer ist schon schreiend vor mir davon gelaufen“.

Papa lächelte, denn er wusste, dass Mama sehr viel stärker war, als sie aussah. Das hatte er schon oft erlebt. Sie konnte sogar kämpfen „wie ein Löwe“. Das erfüllte ihn mir großem Stolz.

Der kleine Bär schaute ängstlich zu seinen Eltern. Er raunte: „Aber wenn ich immer größer werde, werdet ihr keinen Platz mehr für mich haben“. Beide lächelten ihn liebevoll an und Papa sagte: „Geliebter Sohn, bei uns wird immer Raum für dich sein. Mach dir keine Sorgen. Komm, wir gehen zum Fluss und baden in der Abendsonne“.

Als sie am Fluss ankamen, sagte Mama zum Bären: „Mein liebes Kind, schau ins Wasser und sage mir, was du siehst“. Der kleine Bär schaute in das ruhige Wasser und sah sein eigenes Gesicht. Im Spiegeln des Wassers sah er gütige Augen, ein sanftes Gesicht, dichtes, dunkles Fell und es gefiel ihm, was er sah. Erstaunt schaute er Mama und Papa an.

Papa sprach: „Schau, alles was du haben wolltest, ist bereits in dir. Es gibt nichts, was du im Außen suchen musst. Halte nichts zurück, denn das Leben ist zu kostbar, um etwas von sich zu verheimlichen.“

Der kleine Bär lächelte leise, denn er verstand.

Gemeinsam stiegen die Drei an diesem schönen Sommerabend in den Fluss und genossen es, sich von der Strömung treiben zu lassen. Denn so wie es ist, so sollte es sein.

– Ende –

27.2.2019
© Alexandra Thoese