Feinspürkinder

Dieser Beitrag wird für dich nützlich sein, wenn du dich fragst ob dein Kind hochsensibel ist. Ich nenne sie liebevoll Feinspürkinder.

Hochsensible Kinder und ihr Geschenk an uns …

yousef-espaniolySicher hast du schon einiges über den Begriff Hochsensibilität gelesen. Mir begegnete dieses Thema zum ersten Mal, als unser Sohn in die Kindergruppe kam. Zur dieser Zeit ahnte ich noch nichts von einer ausgeprägteren Sensibilität bei Menschen. Schon in den ersten Wochen nach der Geburt, spürte ich, dass ihn verschiedene Situationen überforderten. Zu einem Geburtstag nahmen wir ihn als Baby mit und stellten ihn dort in seiner Kinderwagentasche schlafend ab. Während der nächsten zwei Stunden, schauten immer wieder Menschen auf ihn herab und als er wach war, wurde er berührt und gestreichelt. Als wir nach Hause kamen, fing er an zu weinen und da ich dachte, dass er hungrig sei, stillte ich ihn. Es wurde ein Still-Marathon, der von Unruhe und Weinen begleitet war. Erst nach Stunden, schlief unser Baby erschöpft in meinem Arm ein. Ich war fix und fertig und verstand es nicht.

Im Alter von zwei Jahren kam er in eine Kindergruppe. Diese Gruppe war klein, mit zwei liebevollen Erzieherinnen. Hier brauchte unser Sohn lange, bis er sich einlassen konnte. Der intensive Kontakt zu einer der Erzieherinnen, verhalf ihm zu einem vertrauensvollen Halt, sodass er schließlich gerne dort war. Er war von klein auf sehr aufmerksam, kuschelig, vorsichtig und über Beobachtung lernte er schnell. Kurz, er brauchte immer schon Zeit, um sich auf neue Situationen einzustellen. Überraschungen mochte er damals wie heute nicht. Als er in den Kindergarten kam, wurde es noch deutlicher: In Gruppen hielt er sich zurück, brauchte viel Ruhe, spielte gerne in Zweierkonstellationen, mochte Vorlesen, Kuscheln, Basteln, war gerne der erste am Morgen, half der Erzieherin beim Tisch decken u.v.m.

Gib mir Zeit, um meinen Platz zu finden.

Immer schon war es so, dass er Zeit brauchte, um sich neuen Dingen zu öffnen. Wenn man ihm diese „Forscherzeit“ gab, kam er von ganz alleine aus sich heraus. Wenn man ihn drängte, reagierte er mit Wutanfällen oder rannte fort. Er liebte schon immer alles Feine, hatte früh einen ausgeprägten Wortschatz und konnte seine Gefühle benennen. Permanent erzählte er sich Geschichten im Kopf, egal wo wir waren. Sprach ich ihn an, sagte er häufig: „Mama stör mich nicht, ich erzähle mir gerade eine Geschichte.“

So freute er sich auf die Schule, denn sein Plan war, dann seine Geschichten aufschreiben zu können. Er setzte sich an den Tisch, baute sich alles auf und wollte sich selbst das Schreiben beibringen. Nach einigen Zeilen gab er auf, war traurig und schmiss alles zu Boden.

Dass das nicht so schnell funktionierte, frustrierte ihn sehr. Es gab immer eine Kluft zwischen dem kognitiven Wissen und der motorisch-emotionalen Umsetzung. Schon früh, war zu spüren, dass sein Anspruch an sich selbst, sehr hoch war.

Der Einschulungstag begann freudvoll und endete mit Tränen, als es darum ging, das die Kinder nun ohne ihre Eltern ins Klassenzimmer gehen sollten. Die folgenden Tage ging er, ohne zu klagen zur Schule und ich freute mich, dass alles gut lief. Bis zum ersten Elternabend: Die Lehrerin fragte mich zum Ende hin, was denn mit meinem Kind nicht stimmen würde, denn er würde sich häufig unter dem Tisch verkriechen und nicht am Unterricht teilnehmen. Wenn man ihn dort hinausholen wolle, reagiere er häufig mit Wut oder Flucht, indem er Stifte zerbräche, wegliefe und sich verstecke. Dieses Gespräch verunsicherte mich und stimmte mich vor allem traurig.

Zu dieser Zeit schenkte mir eine Freundin ein Buch über das Thema Hochsensibilität. Dieses Buch war für mich ein Herzöffner, denn ich erkannte nicht nur unseren Sohn in dem Beschriebenen, sondern vor allem mich selbst. Vieles erklärte sich mit diesem Wissen für mich. So begann ich mich intensiver diesem Thema zu nähern. Mit meinem Wissen ging ich zu der Lehrerin unseres Sohnes und sprach meine Vermutung ehrlich aus. Auf offene Ohren stieß ich damals nicht. Doch ich blieb weiter an dem Thema und fand eine unterstützende Maßnahme für mein Kind. Hier wurde ich das erste Mal gehört und es wurde uns bestätigt, dass unser Kind über eine besonders ausgeprägte Wahrnehmung verfüge. Schule blieb Schule und bis heute wird das Thema Hochsensibilität häufig nicht ernst genommen.

Was hat nun meine Geschichte mit dir und deinem Kind zu tun?

Vielleicht erkennst du eine Parallele zu deinem Kind? Die derzeitige Forschung geht davon aus, dass 15-20 % aller Menschen hochsensibel sind. Elaine Aron, eine amerikanische Psychologin, hat durch ihre Forschung Mitte der 90er Jahre den Begriff sensory-processing sensitivity (höhere sensorische Verarbeitungssensitivität )geprägt.

An dieser Stelle, nenne ich einige Wesensmerkmale:

Hochsensible Kinder sind / haben …

… einfühlsam, wissbegierig, neugierig, eher intro- als extravertiert, fantasievoll, hilfsbereit, Stimmungswahrnehmer, Immerdenker, verfügen über eine umfassende Wahrnehmung, geräusch-, geruchs- oder geschmacksempfindlich, erlebtes hallt lange nach, nachdenklich, harmonieliebend, ehrlich, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, empathisch, perfektionistisch, gewissenhaft, tierliebend, zuverlässig, offenherzig, viel fühlend u.v.m.

Hochsensibilität ist ein Wesensmerkmal und auf keinen Fall eine pathologische Störung oder Schwäche. Dies ist ganz wichtig zu wissen. Die gesteigerte Form der Wahrnehmung und die schnellere Überreizbarkeit aufgrund einer Filterschwäche im Gehirn führen häufig dazu, dass Kinder als unruhig, nervös, verträumt, unsozial oder als besonders langsam bezeichnet werden. Diagnosen wie AD(H)S oder auch Autismus-Spektrum-Störungen werden in diesem Zusammenhang allzu schnell gestellt. Viele hochsensible Kinder haben bereits im frühen Kindesalter das Gefühl, „nicht in Ordnung zu sein“. Sie nehmen sich selbst als „anders“ und „falsch“ war, sind häufiger traurig oder fühlen sich „wie von einem anderen Stern“.

Wenn ein Kind auffälliges Verhalten zeigt, müssen wir Großen die Umgebung verändern und nicht das Kind. (Mildi)

Hochsensible Kinder mögen häufig keine Gruppenangebote, sei es im Sport, in der Schule oder in der Freizeit. Sie lieben Strukturen, Rituale, Klarheit, Ordnung, Ruhe und sind kleine Ästheten. Der Blick auf das Schöne, das Feine und Sanfte in der Welt, ist bei hochsensiblen Kindern sehr ausgeprägt. Alles glitzert, funkelt – in allem ist Magie. Ruhe, Nähe und Rückzug sind für hochsensible Kinder besonders wichtig.

Die Ernährung kann zu Hause ein großes Thema sein, da sie oft sehr einseitig und wählerisch beim Essen sind. Doch keine Sorge: Das verändert sich im Laufe des Lebens. Mach dir damit keinen Stress. Ich kenne viele hochsensible Kinder, die sich eher einseitig ernähren und gleichzeitig ganz gesund sind.

Oft haben hochsensible Kinder Schwierigkeiten abzuschalten und in den Schlaf zu finden, da sie sich viele Gedanken oder auch Sorgen machen. Da gilt es gemeinsam zu forschen, was deinem Kind Ruhe und Entspannung gibt. Dein offenes Ohr für seine Gefühle und Gedanken, sind hier besonders heilsam. Eine Umarmung ist viel hilfreicher, als Gespräche oder Analysen. Mit Konflikten oder Stress ist ein hochsensibles Kind überfordert. Hochsensible Kinder sind wie Seismografen, die genau spüren und reagieren, wenn etwas nicht stimmt. Hier braucht es immer wieder deine Unterstützung und deine Empathie. Nimm dein Kind unbedingt ernst.

Hochsensible Kinder benötigen einen sicheren Ort

Was unsere sensiblen Kinder vor allem brauchen, ist unsere Empathie und die Bestätigung, dass sie immer geliebt werden, so wie sie sind. Dass wir sie annehmen, immer, mit allem was da ist. Hochsensible Kinder sind Vielfühler und haben die Gabe uns zu erinnern, wer wir im Herzen sind. Denn oftmals finden wir diese Anteile auch in uns (oder unserem Partner), wenn wir uns diesem Thema öffnen. Manchmal sind diese Anteile tief in uns vergraben, da wir durch unsere Sozialisation gelernt haben, sie zu verdrängen.

Feinsinnige Kinder sind Erinnerer*Innen:

· Sie erinnern uns, dass diese Welt zu laut, zu schnell, zu grell, zu herausfordernd, zu verstörend für uns alle ist.
· Sie erinnern uns, ein Auge auf die kleinen Dinge zu haben.
· Sie erinnern uns an unser liebendes Wesen, unsere Zartheit, unsere Stärke, unsere Seele.
· Sie erinnern uns an die Kraft der Achtsamkeit
· Sie erinnern uns an unsere Gefühle und Bedürfnisse.
· Sie erinnern uns daran, unsere sanfte Stärke zu zeigen und zu leben.

Wenn wir fühlen, sind wir in Kontakt mit uns selbst und der Welt um uns. (Safi Nidiaye)

Anerkennung und Lob

Sehr verbreitet ist die Meinung, dass man Kinder nicht zu häufig loben sollte. Aus meiner Sicht ist dies bei hochsensiblen Kindern anders. Da sie von Grund auf sehr hohe Ansprüche an sich stellen und alles richtig machen wollen, gibt es hier kaum ein zu viel des Lobes. Ihre Wahrnehmung bezüglich ihres Wissens, Könnens und Seins ist eher negativ. Daher ist es gut, sie häufig in dem zu bestärken was sie tun.

Foto: Yousef Espanioly, https://unsplash.com

Diese Geschichte schrieb unser Sohn in der 8. Klasse.
Sie beschreibt eindrücklich, wie sich ein hochsensibler Mensch fühlen kann.

Mr. Perfekto oder das Streben nach Vollkommenheit
Eines Tages auf einem kleinen eckigen Planeten voller perfekter Wesen, entstand ein unperfektes, Mr. Perfekto. Er lebte wie die anderen, doch sie zogen ihn immer wieder damit auf, dass er nicht perfekt sei, denn die anderen waren alle schöne, vollendete Formen. Aber Mr. Perfekto war anders. Er war voller Löcher. Er war nicht komplett. Anfangs störte es ihn nicht, doch irgendwann ging es ihm auf die Nerven, dass alle anderen ihn damit aufzogen, dass er nicht perfekt sei.

Er wollte sich auf eine Suche begeben, um herauszufinden, wie er perfekt werden könnte. Er durchquerte auf seiner Suche viele Gebiete und alle waren perfekt. In der Wüste waren die Kakteen perfekt aneinander gereiht, in den Bergen lag der Schnee perfekt verteilt, im Wald fielen die Blätter komplett gleichmäßig.

Dann eines Tages erreichte er ein Tal mit grüner ungleichmäßiger Wiese, mit unwillkürlich fließendem Wasser und anders fallenden Blättern. Er wusste: hier konnte er leben und zu seiner Überraschung lebten in diesem Tal auch Tiere und andere, die wie er unperfekt waren. Sie freuten sich, dass es noch einen ihrer Art gab und sie freundeten sich mit Mr. Perfekto an und lebten weiterhin nun mit einem neuen Freund in diesem Tal.

So kam es, wie es kommen sollte.

Dieser Blogbeitrag ist Teil der Wissensparade auf der Plattform nova-Lebensraum Sensibilität:
https://nova-lebensraum.de/nova-wissensparade-hochsensibilitaet-in-der-familie