Gedanken zu Corona

Es ist Mittwochabend und ich gehe wie gewohnt zum Improtanzen. Wie immer ein wenig früher, damit noch Zeit ist um mit A. zu plaudern. Ein Mittänzer und sehr lieb gewonnener Mensch. Doch anders als sonst wirkt A. bedrückt. Leise sagt der 76-jährige zu mir: „Ich bin besorgt wegen des Virus, denn ich gehöre zur Risikogruppe und habe Asthma. Doch ich möchte ausprobieren, wie es mir im Kontakt mit euch beim Tanzen geht.“ Ich spüre ihn und er fragt mich, ob ich auch besorgt sei und ich antworte spontan mit „Ja“ und ergänze dieses Wort mit „um dich“ . Er schaut mich an und sagt: „Ich will noch nicht sterben“ , und ich sehe Tränen und Angst in seinen weisen Augen. Ich nicke still und kann es so gut nachfühlen.

Das Tanzen beginnt. Unsere Themen sind von unserer Dozentin heute weise gewählt: vom ICH zum WIR – wie wundervoll sich alles fügt. Wir achten aufeinander, gehen nicht in Körperkontakt, doch fließen organisch durch den Raum. Verbunden. Getragen. Hoffnungsvoll.

Später denke ich an A. und schreibe ihm eine Nachricht in die Nacht: „Lieber A., ich verstehe deine Sorge so gut. Ich möchte dir sagen, dass ich dich/uns gesund denke. Mögen wir nicht zu tief in das Meer aus Angst tauchen. Du wirst hier noch gebraucht, daher bleibst du. Punkt. So wie ich. Alles Liebe, deine Alexandra.“

Ab heute ist Pause beim Tanzen. Bis zum 15. April und ich empfinde es als eine gute Entscheidung. Ich denke an A. und hoffe, dass es ihm gut gehen möge.

Worum es mir geht?
Mir geht es darum, dass Licht zu halten. Mich nicht in Angst zu verlieren. Handlungsfähig zu bleiben. Und das als Mensch der viel Angst kennt.

Was tue ich?
Ich informiere mich.
Ich tausche mich aus.
Ich gehe in Distanz zur Bedrohung.
Ich schaue in den Himmel.

Ich weiß nicht was kommen wird.
Gut so. Denn ich bin jetzt und hier.

Ich habe in 50 Jahren nie erlebt, dass die Schule komplett geschlossen wird und jubele für mein Kind und die anderen Kinder einfach, weil ich es als Jugendliche voll cool gefunden hätte. Haben sie Angst? Vielleicht. Und das ist okay. Ich möchte mich und sie erinnern, dass es darum geht wach und klar zu bleiben. Vorsichtig und achtsam zu sein. Für sich selbst und für den anderen. Ich gehöre nicht zu einer Risikogruppe und könnte eher selbst das Risiko sein. Das macht mich demütig. Ich weiß nicht was kommen wird.

Damals, als 15-jährige beschloss ich innerlich nie mehr zum Zahnarzt zu gehen, da ich meinte, der Atomkrieg stehe vor der Tür. Zwei Jahre später war ich auf Abschlussfahrt in Jugoslawien und wir weinten aus Sorge bezüglich dem Tschernobyl Unglück. Nach dem 11. September hatte ich lange Angst zu fliegen, Zug zu fahren oder ins Kino zu gehen. Doch ich tat all dies. Ich kenne Angst. Und sie ist mächtig, wenn wir sie zulassen. Das weiß ich. Daher entscheide ich mich neu. Wähle Vertrauen und Wachheit. Gebe mir das an Sicherheit, was ich brauche und mir erfüllen kann. Ich informiere mich. Wasche meine Hände und verschenke Konzert Karten für heute Abend.

Was ich dir sagen möchte:
Bitte, verurteile nicht die, die Angst haben.
Prüfe für dich, was sich richtig und gut anfühlt.
Verbinde dich mit deiner Wahrheit, die keiner anderen entsprechen muss. Und sprich über deine Angst, wenn sie mächtig wird. Verbinde dich. Das geht auch telefonisch oder virtuell.

Meine Empfehlung:
• Schaue in den Himmel.
• Lausche den Vögeln.
• Spüre deine Füße auf dem Boden.
• Atme.

Mach das Beste draus.
Was auch immer das für dich bedeutet.

Deine Alexandra