Innenschau

Behutsam nehme ich dich in meine Hände und wiege dich in mein Herz. 
Dort darfst du weilen. Für immer. 

Alexandra Thoese

Was empfindest du in dieser Zeit?
Was wünscht du dir?
Was wärmt dein Herz?
Was nährt dich in der dunklen Jahreszeit? 

Es ist für uns alle eine herausfordernde Zeit. Die Welt die wir kannten, scheint sich aufzulösen. Sicherheit klingt nach einem abstrakten Begriff. Vertrauen scheint unmöglich. Hoffnung scheint weit entfernt. Und doch glaube ich zutiefst, dass es gerade jetzt so wichtig ist, dass wir zusammenrücken – auch wenn das physisch gerade nicht möglich ist. Virtuelle Wege erschaffen Möglichkeiten. Das Telefon wird wieder häufiger genutzt und selbst Briefeschreiben wird attraktiver. Obwohl uns vieles gerade zu trennen scheint, verbindet uns doch vieles.

Für mich ist es nach wie vor eine tiefgehende Zeit der Innenschau, die mich fordert und gleichzeitig Schönes oder Heilsames an die Oberfläche bringt. Wie du bereits weißt, ist dies die Quelle meiner Gedichte. Seit April sind nun viele weitere Texte entstanden, so dass ich bereits an einem 2. Band der Seelenpoesie wirke.

Mein aktuelles Gedicht malt dir in Worten ein Bild einiger inneren Anteile die gemeinsamen an einem Tisch sitzen. Wenn alle Gefühle in uns willkommen sind, kann Heilung geschehen und Frieden einkehren. Möge dir dieses Bild Trost spenden und dich daran erinnern, dass auch du in dir viele verschiedene Anteile hast. Alle gemeinsam bilden deine innere Familie, dein inneres Team, deine Gemeinschaft. 

Das Mahl

Die Tafel ist gedeckt.
Die Gäste geladen.
Alle haben zugesagt.

Angst nimmt neben mir Platz.
Trauer sitzt gegenüber am Tisch.
Die Wut am Kopfende.
Der Kritiker neben ihr.
Schuld und Scham,
sitzen wie Geschwister nebeneinander.
Sie necken sich.
Hilflosigkeit und Ohnmacht
tragen die gleichen Kleider.
Hand in Hand schlendern
sie zu ihrem Platz.
Der Zweifel setzt sich zwischen sie.

Etwas verspätet kommt Freude dazu,
Hoffnung im Gepäck.
Humor tanzt ausgelassen
durchs Nebenzimmer.
Mut hat das Sofa für sich entdeckt.
Liebe strahlt durch den Raum.
Sie will sich nicht festlegen.
Vertrauen setzt sich auf den
noch freien Platz neben mir.
Sie streichelt meine Hand.

Die Tafel ist gedeckt.
Alle sind gekommen.
Das Mahl ist zubereitet.

Ich klinge mit der Gabel an mein Glas.
Willkommen, tönt es leise in die Runde.
Schüchtern hebe ich meinen Blick.
Schaue mich um.
Aufregung erfüllt mein Herz.
Stärkend spüre ich Vertrauen
an meiner Seite.
Die Kleine auf meinem Schoß
kuschelt sich eng an mich.
Leise flüstere ich ihr zu.
Sie entspannt. Ihre Augen schließen sich.
Ihr Atem fließt.
Sanft. Beständig. Lebendig.

Die Tafel ist gedeckt.
Alle sind gekommen.
Sie wenden sich mir zu.

Danke, murmele ich zaghaft.
Danke, dass ihr gekommen seid.
Danke, für das was ihr mitbringt.
Danke, dass ich nicht alleine bin.

Ich fühle ihre Blicke.
Stille schwebt durch den Raum.
Dann ein Aufatmen,
ein kleines Seufzen,
ein schelmisches Lachen,
ein erleichtertes Weinen,
ein lustiges Schimpfen.
Alle sind gekommen.
Gemeinsam sitzen wir am Tisch.
Unsere Hände finden sich.
Ich schaue in die Runde.
Dankbar atme ich ein und aus.
Ein und aus. Ein und aus.

Stille findet mich.
Vertrauen. Entspannung.
Dankbarkeit. Mut. Hoffnung.
Liebe. Sie ist überall.
Umarmt jeden meiner Gäste.
Freude stimmt ein Lied an.
Alle stimmen ein.

Das Mahl beginnt.

© Alexandra Thoese / November 2020
(Aus: Seelenpoesie – Heilsames aus dem Herzen)

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