Scham und Güte

Geliebte Scham,
du und ich, wir kennen uns eine Ewigkeit. Es ist, als wären wir Geschwister, die nie voneinander getrennt lebten. Schon wenn ich an dich denke, senke ich den Blick. In meinem Bauch entwickelst du Wärme, die langsam als schwere Hitze in mir aufsteigt und mir eine leichte Röte ins Gesicht zeichnet. Meine Augen werden kleiner und die Schwerkraft zieht an meinen Füßen, als würde mich der Boden verschlingen wollen. Für dich ist es seit je her ein wunderbares Spiel. Du hast es entwickelt, verfeinert und dir die Zeit genommen, um es perfekt auf mich abzustimmen. Du kennst sie, all die berührbaren Punkte in mir, die Wunden und den Makel. Du bist eine Meisterin im Verborgenen und liebst es mich zu überraschen. Deine Freude an einem geschickten Spiel ist dein Gewinn.

Du meinst es nicht böse, denn es ist, was du bist. Im Laufe der Jahre bist du mir eine treue Freundin geworden, denn ich kann mich auf dich verlassen. Du bist immer da, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Ich erinnere mich vor allem an deine Auftritte in der Schule. Eine unachtsame Bemerkung des Mitschülers oder ein forscher Blick des Lehrers riefen dich zu Tatendrang. Du liebst es zu überraschen, denn alles andere findest du langweilig und vergällt dir die Freude am Spiel.

Wenn von Außen die Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war, wurdest du in meinem Inneren lebendig und heiztest den Kessel mit Gefühls-Lava an. Wenn sie dann kochte, stießest du ihn um, sodass sich die rot, glühende Lava in meine Blutbahnen ergoss, um sich in meinem gesamten Körper zu verteilen. Brodelnd stieg dein Saft in mir nach oben, sodass ich manches Mal nicht mehr fähig war zu reagieren, wenn der Lehrer mich etwas fragte. Ab und an konnte ich noch ein zaghaftes „Ich weiß es nicht“ heraus stottern oder nur leicht den Kopf schütteln. Das war für dich ein besonderes Vergnügen, denn je länger der schamhafte Moment anhielt, desto mehr Freude verspürtest du. Du warst arglos und ohne Tücke, denn es war dein ureigenster Ausdruck. Du nutztest mich, um auf dich aufmerksam zu machen. Eine andere Möglichkeit kanntest du nicht.

So manches Mal sprudelte die Scham-Lava so stark in mir, dass ich wünschte, der Boden möge sich auftun, um in ihm zu versinken. Dieser Wunsch blieb stets unerfüllt. Ganz zu deiner Zufriedenheit. Du mochtest vor allem, wenn wir unter Menschen waren, denn das verschaffte dir die perfekte Bühne.

Viele Jahre waren wir eng miteinander verbunden. Selbst in meinen Berufsleben oder im Zusammensein mit meiner Familie oder Freunden fandst du deinen Platz. So manches Mal, überfielst du mich im Nachhinein, wenn wir alleine waren. Darin warst du sehr geschickt. Dann warst du heimlicher und leiser, als in Gesellschaft. Die „Danach-Scham“, nanntest du es. Diese war umso zäher und blieb manchmal stundenlang oder kam in Wellen immer wieder, wie ein lebendiges Wesen. Atmend und pulsierend, bis ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen konnte. In diesen Momenten sehnte ich mich sehr nach Verstärkung und einem Zauber, der es beenden würde. Doch auch für diesen Gedanken schämte ich mich, denn wir waren doch Freunde. Mit der Zeit lernte ich mit dir zu sein. Ich nahm dich an und mich mehr zurück. Das führte zu weniger Glücksmomenten für mich und auch für dich, da ich meine Lebendigkeit verbarg.

Eines Tages, im Sommer, als die Sonne schien und ich überlegte, ob ich in mein Sommerkleid schlüpfen sollte, warst du schnell bei mir und rauntest mir zu „Bist du sicher? Schau doch mal in den Spiegel. Dich sehen dann auch alle anderen. Willst du es wirklich wagen, dich so zu zeigen?“ Verunsicherung machte sich in mir breit und ich wollte gerade das Kleid zurückhängen, als ich eine feine Stimme links auf meiner Schulter vernahm. Sie raunte sanft: „Es ist gut. Lass sie reden. Du bist schön so, wie du bist.“ Staunend blickte ich zu meiner Schulter und sah ein Wesen, handflächengroß, mit sanften Augen und ungewöhnlich großen Händen. Es schaute mich an und einen Moment verlor ich mich in ihren Augen. Dann hörte ich die feine Stimme die leise, aber bestimmt sprach: „Ich bin die Güte und ich bin hier um dich zu stärken.“

„Hm“, dachte ich so bei mir, „wie soll das möglich sein?“ Ohne das ich es laut ausgesprochen hatte, vernahm ich auch schon die Antwort: „Weißt du“, sagte die Güte, „am leichtesten ist es, wenn du die Scham annehmen kannst und sie nicht mehr weghaben möchtest. Solange du gegen sie ankämpfst, wird sie diese Energie nutzen, um das Feuer in dir zu schüren und den Kessel zu heizen. Verstehst du was ich meine?“ Ich nickte. Nach einer Weile fragte ich: „Was kann ich denn tun? Sie ist doch nun mal in mir?“ „Es braucht nicht viel“, sagte Güte. „Es ist deine liebevolle Annahme, die es möglich machen wird. Wenn du zu ihr sprichst und ihr sagst, dass es in Ordnung ist, dass sie da ist, dann wird sie ruhiger werden. Probiere es einmal aus.“ Und mit einem liebevollen Zwinkern setzte sie sich auf meiner Schulter nieder.

Ich stand noch eine Weile einfach so da. Dann setzte ich mich vor den Spiegel und schaute mir selbst tief in die Augen. Ich legte meine Hände auf mein Herz und atmete langsam ein und aus. In diesen Raum hinein, sprach ich und sagte: „Meine liebe Scham, ich weiß, dass du da bist, um mich zu schützen und ich möchte dir heute sagen, es ist gut, dass du da bist. Du hast mich auf manch eine unangenehme Situation aufmerksam gemacht und verhindert, dass ich meine Würde verliere. Und manchmal hast du mich auch behindert, mit deinem Da-Sein. Doch weißt du, ich bin dir wirklich dankbar und ich möchte dir heute etwas versprechen.“

Während ich so in den Spiegel schaute und in mein Herz atmete, spürte ich ein Regen in meinem Bauch. Langsam stiegst du bis in meine Kehle hinauf. Neugierig wartetest du dort darauf, was nun käme. Ich spürte einen leichten Druck in der Kehle, als ich leise sagte: „Weißt du: ich schäme mich und bleibe da.“
Annahme im Augenblick

Puh, das war schwer für mich und ich sah, wie Tränen meine Wangen hinunterliefen. Ein Beben erfasste mich und ich weinte und weinte. Doch gleichzeitig spürte ich, dass der Druck in meiner Kehle nachließ. Wärme breitete sich in mir aus. Angenehme, wohlige Wärme. Als ich erneut in den Spiegel schaute, sah ich dich kurz durch meine Augen blicken. Du nicktest mir zu, lächeltest mich an und sagtest: „Ich freue mich dich zu sehen, danke dir. Von nun an werde ich dir eine liebevolle Freundin sein und dich sanft daran erinnern, wenn etwas Ungeahntes auf dich zukommt. Denn es ist ganz natürlich, dass ich mich dir ab und an zeige. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin ein Teil von dir.“

Aus der Tiefe meines Herzens heraus verstand ich. Mit einem sanften Seufzen murmelte ich leise: „Ich weiß und es ist gut, dass du da bist. Nun verstehe ich dich.“ Für einen Moment sahen wir uns liebevoll in die Augen. Dann löste sich unser Blick und ich spürte eine tiefe Entspannung in mir aufsteigen. Güte saß wohlig auf meiner Schulter und lächelte milde. Leise sagte sie: „Siehst du, es ist ganz leicht, wenn du dich dir zuwendest.“ Ich nickte. So blieb ich noch eine Weile sitzen, spürte meine Hände auf meinem Herzen und die Wärme in meinen Bauch.

*****

Resümee:
Ich erkannte, wie heilsam es ist die Türen in mir zu öffnen und alle Gefühle willkommen zu heißen. Mir wurde bewusst, dass ich niemals alleine bin. Selbst in mir nicht. Meine Gefühls-Gefährten sind stets bei mir und nur gemeinsam sind wir ein Ganzes. So reiche ich dir meine Hand und erinnere dich daran, dass es gut ist, wenn du ab und an lauscht, wer an deine Türe klopft. Sei offen für das was in dir ist. Es ist immer FÜR dich.

© Alexandra Thoese, 9.5.2019

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