Zweifel und Vertrauen

Geliebter Zweifel,
manchmal frage ich mich, wann du in mein Leben kamst. So erinnere ich keine Zeit in der du nicht da warst. Seite an Seite standen wir im Leben. Zweifellos warst du mein bester Freund. ­­Du wichest nicht von meiner Seite, warst stets bereit dich einzumischen. Wir teilten uns ein Bett, aßen vom selben Teller, saßen auf demselben Stuhl, reisten gemeinsam durch den Tag und gingen niemals ohne einander fort. Die Kunst der Verwandlung war des Zweifels Stärke, denn du konntest deine Größe, deine Form und deinen Zustand verändern. Selbst die Zeitachse konntest du manipulieren und wechseltest spielerisch von der Gegenwart in die Vergangenheit oder in die Zukunft.

Du warst ein Meister der Verwandlung, ein Magier im Herzen. Manchmal warst du sehr klein, sodass ich dich kaum spürte doch manchmal warst du riesig groß und versperrtest mir mit deiner Mächtigkeit den Weg. Dann gab es keinen Schritt mehr nach vorne, sondern Stillstand am Platze.

Ich erinnere mich daran, dass ich dich oft nach deiner Herkunft fragte. Doch du antwortest immer: „Nun bin ich hier. An deiner Seite bin ich zu Hause“. Das tröstete mich, denn ich fühlte mich oft alleine in einer gefährlichen Welt. Deine liebevollen Worte vermochten mich zu trösten, sodass ich mich im Leben sicherer fühlte. Wenn ich eine Frage hatte, war die Antwort im selben Augenblick bei mir. Manchmal konnte ich kaum sagen woher sie kam und ob es tatsächlich deine Stimme war die da zu mir sprach. Du warst sehr geschickt mit deiner Magie, denn manchmal sandtest du mir lediglich ein leichtes Zittern meiner Beine oder ein taubes Empfinden direkt ins Ohr.

Ich hatte keine Frage bezüglich deiner Loyalität, denn schließlich hatte ich dir den Eid abgerungen immer gut für mich zu sorgen. Meist rief ich dich bei drohender Gefahr und zuverlässig warst du an meiner Seite. Dass das Leben gefährlich war, dass hatte ich früh für mich beschlossen. So war ich dankbar einen weiteren guten Freund an meiner Seite zu haben. Wenn du gerade nichts  zu tun hattest spieltest du Das Spiel des Lebens mit meinen anderen inneren Gefährten.

Ganz ehrlich: Manchmal konnte selbst ich euch nicht mehr auseinander halten. Zeitweise agiertet ihr zeitgleich auf meiner Bühne und spieltet ein  Stück von dem manch Regisseur nur geträumt hätte. Wildes improvisiertes Inszenieren mit den Geschehnissen des Alltags waren eure liebsten Themen. So verbrachten wir viele Stunden.

Meist zeigtest du dich nur im Verborgenen – ein Meister der Tarnung. Manchmal sprachen wir laut miteinander, so das andere sich nach uns umschauten. Da du dich unsichtbar machen konntest, sahen sie dich nicht und schauten sehr erstaunt auf mich. Dann schüttelten sie ihre Köpfe u­­­­nd murmelten still vor sich hin. Doch das irritierte dich nicht. Du lachtest dann leise. Du wusstest wie sicher du bei mir bist. Mich verunsicherte es, sodass ich mich mehr und mehr zurückzog. Woher sollte ich wissen, dass du auch mit mir gerne spieltest.

Du pflanztest Unsicherheit in mein Herz und eine Schwere in mein Leben. Dir war dies nicht bewusst, denn du lebtest deine Existenz einfach aus. Warst geboren in mein Leben, um mich zu schützen vor den Ungeheuern der Welt.

Das Menschen gefährlich waren das wusstest du instinktiv. Manchmal rauntest du mir zu: „Vertraue niemanden und höre mir genau zu“. Deinen treuen Worten folgte ich lange Zeit. Fragen die du sätest wuchsen langsam zu reifen Früchten heran und hinderten mich am lustvollen Leben. „Bin ich sicher?“ „Bin ich es wert?“ „Bin ich genug?“ „Bin ich gewollt?“. Mit diesen Fragen schritt ich durchs Leben und ahnte nichts von der Fülle.

Eines Morgens erwachte ich in meinem Bett und fragte mich ob es sich lohne aufzustehen. Da hörte ich aus der Ferne eine leise Stimme die rief: „Vertraue!“.

„Seltsam“, dachte ich, denn ich hatte die Fenster und Türen fest verschlossen. Doch wieder hörte ich aus der Stille heraus dieses eine Wort: „Vertraue!“. Ich setzte mich auf, neigte meinen Kopf ein wenig zur Seite und konzentrierte mich auf den Raum der Stille. Ein Moment verging, doch dann hörte ich sie wieder, diese Stimme. Sie war nun deutlicher zu hören. „Vertraue!“. Meine Verunsicherung wuchs und ich verstand nicht was das bedeuten sollte. Also fragte ich in die Stille hinein: „Wer bist du und was soll das heißen?

Es verging einige Zeit, bis ich wieder etwas vernahm. Die Stimme sprach zu mir und sagte: „Vertraue, du bist hier sicher!“ Nun wurde ich ungeduldig und forderte die Stimme auf sich zu zeigen. Sie antwortete: „Hier bin ich – ganz nah“­. Und tatsächlich: Da stand sie. Sie war kaum einen Meter von mir entfernt. Eine Gestalt, kaum größer als ein Hut, doch kräftig in ihrer Statur. Um sie herum wirbelte ein Meer von Farben. Das gefiel mir und ich fragte sie nach ihrem Namen. „Ich bin dein Vertrauen“­, sagte sie mit melodischer Stimme. „Weißt du, ich war schon immer da, doch du konntest mich nicht hören. Daher habe mit dir gesprochen und gewartet bis du dich erinnerst. Mit der feinen Erinnerung an mich konntest du mich wahrnehmen. Diese Frequenz nutzte ich fortan dich zu rufen. Mit der Zeit schärften sich deine Sinne und du konntest mich hören.“

„Und was willst du jetzt hier“, fragte ich sie. Leise aber bestimmt antwortete sie: „Ich will das du es wagst zu leben.“ Sprachlos stand ich da. Das waren mächtige Worte von einer kleinen Kreatur gesprochen.

Zweifel war plötzlich hellwach auf meiner Schulter. Grimmig schaute er auf das fremde Wesen. Seine Unruhe konnte ich deutlich spüren. Sanft schaute Vertrauen dem Zweifel in die Augen und raunte leise: „Es ist gut das du da bist. Du hast sie die ganze Zeit beschützt. Ich werde dir nichts tun. Ich werde hier sein. Vertraue!. Ich werde euch zu Seite stehen.“ Und so nahm sie sanft Platz an meiner Seite. Argwöhnisch blickte Zweifel zu ihr hinunter. So vergingen einige Tage. Vertrauen änderte nichts an ihrer Position, sondern blieb still an meiner Seite. Durch ihre Anwesenheit änderte sich langsam etwas in mir. Ich spürte das erste Mal in meinem Leben Gelassenheit. Dies Gefühl gefiel mir.

Langsam veränderte sich bei dem Zweifel auf meiner Schulter etwas. Aus seinem Argwohn erwuchs Neugier und er beäugte das Vertrauen aus sicherer Entfernung. Manchmal nickte er auf meiner Schulter über einen längeren Zeitraum ein. Das hatte es noch nicht gegeben.

Eines Morgens ertappte ich mich dabei, dass ich eingeschlafen war. Als ich erwachte, fühlte ich mich wohlig und leicht. Mit Erstaunen sah ich euch gemeinsam vor mir sitzen. Zwischen euch stand eine kleine Kerze. Ihr redete leise miteinander. Als ihr bemerktet, dass ich aufgewacht war, blicktet ihr zu mir auf. Vertrauen sagte leise: „Zweifel hat dir etwas zu sagen“. Da ich nichts erwiderte begann Zweifel zu sprechen: „Weißt du, ich bin nun schon sehr lange an deiner Seite. Ich war stets gerne für dich da, doch nun da Vertrauen in dein Leben gekommen ist, bin ich neugierig und möchte die Welt erkunden. Daher habe ich beschlossen mir eine Auszeit zu nehmen und auf Reisen zu gehen.“ Da fiel mir auf, dass er einen kleinen alten Koffer neben sich stehen hatte.

Ein Kloß steckte mir im Hals, als ich leise murmelte: „Aber, was soll ich denn ohne dich tun, lieber Freund? Du warst mir immer ein treuer Beschützer“ Zweifel kam zur mir und streichelte sanft mein Gesicht. Er sagte: „Sei nicht besorgt. Du bist nicht alleine. Vertrauen ist an deiner Seite und wenn ich ehrlich bin war sie schon immer hier. Wir haben nur ihre zarte Stimme überhört. Ich möchte mich bei dir entschuldigen, denn ich gebe zu, dass ich dir manches Mal ein paar Flausen in den Kopf gesetzt habe. Da ist meine Fantasie mit mir durchgegangen. Du weißt ja: Ich liebe es Geschichten zu spinnen.“ Dabei huschte ein schelmisches Lächeln über sein Gesicht. „Du hast alles was du brauchst. Und falls du mal Not hast, kannst du dich jederzeit an mich wenden, denn ich werde mit dir verbunden bleiben. Doch nun mache ich mich auf den Weg. Ich möchte noch viele Abenteuer erleben. Du wirst sicher von mir hören.“ Ohne ein weiteres Wort nahm er seinen kleinen Koffer und winkte mir fröhlich zum Abschied.

Dies war der Tag, als Zweifel sich auf Reisen begab. Ich blieb noch eine zeitlang verwirrt sitzen. Vertrauen schaute mich aus ihren großen Augen an und sagte: „Es ist nun gut. Lass ihn ziehen. Die Verbindung zwischen euch bleibt zart bestehen. Ich werde gut für dich sorgen und dir eine liebevolle Begleiterin sein. Du wirst in dir spüren können, dass ich da bin.“

Erleichtert seufzte ich auf und lehnte mich zurück. Als ich da so lag, breitete sich aus meiner Mitte heraus eine wohlige Wärme in mir aus. Ich schloss meine Augen. Vertrauensvoll schlief ich ein.

© Alexandra Thoese
14. Juni 2018

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